
Was wächst denn da?
Wie wir Städte morgen ernähren.
Salat vom Dach, Erdbeeren aus der Fassade und Gemüse aus der Nachbarschaft? Klingt ein bisschen nach Zukunftsmusik. Ist aber teilweise längst Gegenwart. Ich habe mir angesehen, wo unser Essen morgen wachsen könnte und warum die Landwirtschaft der Zukunft wahrscheinlich nicht nur auf dem Acker stattfindet.
September ist Erntezeit. Überall wird gepflückt, gesammelt, eingefahren. Eigentlich könnte ich mich jetzt zurücklehnen und sagen: läuft doch.
Mach ich natürlich nicht.
Denn während wir ernten, was heute wächst, beschäftigt mich viel mehr die Frage: Was ernten wir eigentlich morgen?
Und vor allem: Wo?
Denn unsere Städte wachsen. Das Klima verändert sich. Flächen sind begrenzt. Gleichzeitig möchten wir Lebensmittel möglichst frisch, bezahlbar und verlässlich bekommen. Eine ziemlich knackige Aufgabe. Wortspiel leider unvermeidbar.
Also schauen wir mal über den Tellerrand.
Die Stadt bekommt Appetit.
Schon heute lebt mehr als die Hälfte der Weltbevölkerung in Städten. Bis 2050 könnten es rund zwei Drittel sein. Damit wird eine Frage immer wichtiger: Wie kommen all diese Menschen an Lebensmittel und wie können Städte selbst Teil der Lösung werden? Die Welternährungsorganisation FAO (Food and Agriculture Organization) sieht in urbanen und stadtnahen Ernährungssystemen deshalb einen wichtigen Baustein für eine widerstandsfähigere und nachhaltigere Versorgung.
Heißt das, dass wir demnächst auf jedem Parkhaus Kartoffeln anbauen?
Eher nicht.
Aber es heißt, dass wir Flächen neu denken können: Dächer, Innenhöfe, Quartiere, Fassaden oder bislang ungenutzte Gebäude. Landwirtschaft muss nicht an der Stadtgrenze aufhören.
Und im Ruhrgebiet muss man gar nicht lange suchen, um zu sehen, wie das aussehen kann.
In Oberhausen wächst Zukunft auf dem Jobcenter.
Ja, richtig gelesen.
Mitten in Oberhausen steht auf dem Dach des Jobcenters am Altmarkt ein rund 1.100 Quadratmeter großes Gewächshaus. Im ALTMARKTgarten wachsen unter anderem Kräuter, Salate und Erdbeeren. Gleichzeitig dient das Dachgewächshaus als Reallabor, in dem neue Formen urbaner Lebensmittelproduktion erprobt werden.
2026 hat die IGA 2027 den ALTMARKTgarten als „Zukunftsprojekt der Region“ ausgezeichnet. Er gehört damit zu den Projekten, die zeigen sollen, welche Ideen aus dem Ruhrgebiet weit über 2027 hinausweisen können.
Ich finde: ziemlich passend für eine Region, die schon öfter bewiesen hat, dass aus alten Strukturen etwas Neues wachsen kann.
Früher ging es hier vor allem darum, was unter der Erde liegt. Morgen vielleicht stärker darum, was über unseren Köpfen wächst.
Und wenn kein Dach mehr frei ist?
Noch einen Schritt weiter denkt das Vertical Farming.
Dabei wachsen Pflanzen nicht nebeneinander auf einem großen Feld, sondern auf mehreren Ebenen übereinander – häufig in geschlossenen Gebäuden. Licht, Wasser, Temperatur und Nährstoffe lassen sich gezielt steuern. Fraunhofer-Forschende testen inzwischen sogar, wie solche Systeme direkt in Gebäude und Fassaden integriert werden können. 2025 wurde in Aachen beispielsweise eine Anlage vorgestellt, in der Kräuter und Erdbeeren in einer Doppelfassade wachsen.
Das klingt ein bisschen nach Raumschiff.
Nur mit Salat.
Und die Idee hat Charme: Lebensmittel können näher dort entstehen, wo sie gebraucht werden. Flächen werden mehrfach genutzt. Produktion kann unabhängiger von Jahreszeiten und manchen Wetterextremen werden.
Aber – und jetzt kommt mein Lieblingswort bei Zukunftsthemen – aber:
Vertical Farming ist kein Zaubertrick.
Vor allem Beleuchtung und Klimatisierung brauchen viel Energie. Eine große wissenschaftliche Übersichtsarbeit von 2025 zeigt deshalb: Vertical Farming kann sehr effizient mit Fläche und Wasser umgehen, seine Nachhaltigkeit hängt aber stark davon ab, wie hoch der Energiebedarf ist und woher dieser Strom kommt.
Zukunft bedeutet eben nicht, für jedes Problem ein blinkendes Gerät hinzustellen.
Manchmal bedeutet Zukunft, verschiedene Lösungen schlau miteinander zu verbinden.
Acker gegen Hightech? Falsche Frage.
Die Landwirtschaft von morgen wird vermutlich weder komplett unter LED-Lampen stattfinden noch genauso aussehen wie vor hundert Jahren.
Sie wird vielfältiger.
Wir werden weiterhin Äcker und landwirtschaftliche Betriebe brauchen. Gleichzeitig können Gewächshäuser auf Dächern, Gemeinschaftsgärten, urbane Anbauflächen und neue technische Systeme dort ergänzen, wo sie sinnvoll sind.
Entscheidend ist also nicht: Was gewinnt?
Sondern: Was funktioniert wo am besten?
Auch Fachleute denken inzwischen stärker in solchen vernetzten Systemen. Die FAO spricht beispielsweise von „City Region Food Systems“: Stadt, Umland und ländlicher Raum werden nicht getrennt betrachtet, sondern als gemeinsames Versorgungssystem. Regionale Produktion, kurze Wege, widerstandsfähige Landwirtschaft und funktionierende Verteilung gehören dann zusammen.
Und plötzlich wird aus einem Beet eine ziemlich große Frage.
Wie planen wir unsere Städte?
Welche Flächen wollen wir wofür nutzen?
Wie produzieren wir unter veränderten Klimabedingungen?
Wie stärken wir regionale Kreisläufe?
Und welche Ideen sind nicht nur technisch möglich, sondern am Ende auch wirtschaftlich sinnvoll?
Genau da wird es für mich spannend.
Deshalb passt das Thema ziemlich gut zur IGA 2027.
Die IGA fragt: Wie wollen wir morgen leben?
Da gehört für mich zwingend dazu: Wie wollen wir morgen essen und wie wollen wir unsere Lebensmittel erzeugen?
Im Zukunftsgarten Dortmund spielt „Ernährung und Landwirtschaft“ deshalb ausdrücklich eine Rolle. Gleichzeitig zeigen Projekte wie der ALTMARKTgarten schon heute, dass die IGA nicht erst 2027 damit beginnt, über Zukunft nachzudenken.
Sie macht sichtbar, was in der Region längst ausprobiert, erforscht und weiterentwickelt wird.
Und genau das gefällt mir daran.
Denn Zukunft ist selten dieser eine große Geistesblitz, nach dem plötzlich alles anders ist.
Meistens beginnt sie viel unspektakulärer: mit einer Idee. Einer Fläche. Ein paar Menschen, die etwas ausprobieren. Forschung, die daraus eine Lösung macht. Kommunen und Unternehmen, die sie weitertragen. Und Partnern, die solche Entwicklungen möglich machen.
Und was hat die Sparkasse mit Salat zu tun?
Mehr, als man auf den ersten Blick denken könnte.
Nein, künftig gibt es natürlich keine Kopfsalatberatung am Schalter.
Aber Veränderung braucht nicht nur Ideen. Sie braucht Menschen, Netzwerke, Investitionen und manchmal jemanden, der sagt: Das könnte funktionieren. Lasst uns darüber reden.
Genau deshalb begleiten die Sparkassen die IGA 2027 als Partner. Nicht weil eine Bank plötzlich Landwirtschaft erklären muss. Sondern weil die großen Zukunftsfragen unserer Region immer auch damit zu tun haben, was wir gemeinsam möglich machen können.
Für mich ist das der spannendste Blick auf die IGA überhaupt: nicht einfach bestaunen, wie schön etwas wächst.
Sondern fragen, was daraus wachsen kann.
Mein Erntefazit?
Das Essen von morgen wird wahrscheinlich nicht an einem einzigen Ort wachsen.
Es wächst auf Feldern und Dächern. In Gewächshäusern und Quartieren. Vielleicht an Fassaden. Manchmal sogar übereinander.
Vor allem aber wächst es aus guten Ideen.
Und einige davon stehen hier im Ruhrgebiet schon ziemlich ordentlich im Saft.
Ich schau mir weiter an, was daraus wird. Schließlich bin ich Doc Morgen.
Zukunft bleibt spannend.